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Vorlesungsteil zur Differenz zwischen religiös-mythischer und theoretischer Denkweise (mit Bezug auf Orpheus, die Orphik sowie den Dionysoskult) [Beginn im laufenden Text]
[…] Im Ganzen blieb das weltanschauliche Denken mythologisch [in der frühen griechischen Antike]. Das heißt, es interpretierte die allgemeinen Weltzusammenhänge nach dem Modell der unmittelbaren Erfahrung persönlicher Beziehungen als anthropomorph, mindestens als personal gedachte Natur‑ und Gesellschaftsmächte. Die Wissensakkumulation blieb empirische Sammlung und technisch-methodische Anweisung, traditionelle Überlieferung von Erfahrungen, Techniken – eingebunden in mythische Gesamtmodelle. Das besagt, es gab noch keine wissenschaftliche Theorie.
Es gab dementsprechend auch keine Theorie, wissenschaftlich nach dem Entstehen und dem Wesen der Künste zu fragen. Dies wissenschaftliche Fragen schließt eben ein, dass man versucht, die wirklichen Zusammenhänge aus dem objektiven und empirisch beobachtbaren materiellen Lebensprozess selbst zu erklären, nicht etwa Kunst z. B. aus der Leistung eines göttlichen Stifters oder Lehrers abzuleiten. Die Frage nach der Kunst impliziert dabei den ganzen Komplex weltanschaulicher Fragen. Sie aufzuwerfen bedeutet, dass man Künste eben nicht mehr einfach nur hinnimmt, weil sie eben von den Vätern schon geübt wurden und deshalb keiner Begründung und Rechtfertigung bedürfen – und somit lediglich zu erlernen sei, wie man es macht.
Ein theoretisch-weltanschauliches Fragen, das sich bald auch auf die Künste bezog, wurde systematisch zuerst von den Griechen geübt. Ein entsprechendes Denken setzte, ausgehend von den ionischen Städten, Ansiedlungen in Kleinasien, etwa im 6. Jahrhundert v. u. Z. ein.
Was war geschehen, dass hier Neues entstehen konnte? Versuchen wir 1. uns anhand eines Beispiels klarzumachen, worin eigentlich der Unterschied zwischen religiös-mythologischer Betrachtung, Reflexion und theoretischem Denken, besonders in Bezug auf die Kunst, besteht und versuchen wir 2. nach den geschichtlichen Gründen zu fragen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt eine theoretische Qualität geistiger Bewusstheit, ein philosophisches wie ästhetisches Denken hervorbrachten und damit die großartige Entwicklung der griechischen Kultur ermöglichten.
Zu unserem Beispiel. Sie kennen die Geschichte von Orpheus, dem Sänger, der aus Thrakien kam, etwa dem Rhodopengebirge an der Grenze des heutigen Bulgarien nach Griechenland.
Da gibt es zum einen die Sage von Orpheus, der so himmlisch zu singen und seine Lyra zu schlagen wusste, dass er Menschen und Tiere bannte, dass er selbst Bäume und Felsen bezwang – eine phantastische symbolhafte Gestalt der Macht menschlicher Musikkunst.
Zum anderen wird erzählt, wie er Eurydike, seine Frau, verlor und aus der Unterwelt, in die er sich gewagt, herausholte: Sein Gesang bezwang selbst den Gott der Unterwelt. Als er heraufkam, zeigte sich, dass er Menschen und Götter, nicht aber sich selbst zu bezwingen vermochte. Er durfte nicht zurückschauen. Als er Eurydike nicht hörte, denn Schatten haben keinen hallenden Schritt, blickte er zurück und sah die schöne Eurydike nur noch traurig winkend verschwinden. Sie musste zurück in die schauerliche Welt des Totenreiches.
Verschiedene Fassungen der Sage berichten dann von des Orpheus schrecklichem Ende. Er wurde von Frauen zerrissen, wobei die Interpretationen wechseln. Einige erzählen, er sei von Mänaden, Anhängerinnen des Dionysos, in ekstatischem Zustand zerrissen worden, weil er nur noch Apoll, nicht mehr Dionysos ehren wollte. Eine andre Fassung berichtet, sie hätten ihn aufgrund seiner nach Eurydikes Verlust entstandenen Weiberfeindlichkeit getötet. Er wurde von den Musen bestattet und seine Leier ward verstirnt.
Die Legenden um Orpheus sind poetisch schöne, vieldeutige Geschichten, die immer wieder Dichter und Musiker fasziniert haben. Denken Sie an Gluck – bis hin zur parodistischen Umkehrung bei Offenbach.
Die Orpheussage verband sich historisch auf eigentümliche Weise mit dem Dionysoskult; die Orphik wurde mit zur Bezeichnung dieses Kultes, mindestens seiner späteren Phase. In Griechenland selbst waren beide – soweit man weiß – verbunden; der Dionysoskult breitete sich von Thrakien über Griechenland aus, also von dort, wo auch von Orpheus berichtet wurde.
Die dionysischen Mysterien haben eine lange Vorgeschichte. Ursprünglich ist sicher eine Tradition bäuerlicher Vegetationskulte; diese verschmolzen mit einer sozialen Neustrukturierung. Es entwickelte sich eine Religion mit Erlösungszügen – und gerade damit verband sich die Orphik, eine traditionsbildende Gemeinde, die bis in die Zeit des spätesten Rom ihre Anhänger fand. Für uns ist ganz wesentlich, dass hier eine religiöse Erlösungskonzeption entstanden war. Diese hat die Vorstellung einer Trennung der Seele vom Körper zur Voraussetzung, die einer Befreiung der Seele aus den körperlichen Banden und ihrer Erlösung im Jenseits – wobei Orphik, auch pythagoreische Lehren eine Seelenwanderungskonzeption damit verknüpften: Vorhandenes Leid ist Folge der Sünde vergangener Menschen.
Die heilsreligiöse Konzeption aber entstand als Ergebnis der Klassenantagonismen, der massenhaften Unterdrückung — zunächst wohl in Kreisen verarmter, in die Stadt gezogener oder als Schuldsklaven vertriebener Bauern und thrakischer Bergarbeiter. Ein ergreifender Bericht über das Leben der Bergarbeiter der Antike findet sich bei Diodor, einem Schriftsteller des ersten Jahrhunderts v. u. Z.: „Die Arbeiter, die in den Bergwerken beschäftigt sind, liefern ihren Herrn einen so unglaublich großen Gewinn, und sie selbst müssen in den Schachten unter der Erde Tag und Nacht zum Schaden ihrer Gesundheit sich abmühen. Viele sterben hin von der übermäßigen Anstrengung; denn nie dürfen sie sich erholen und die Arbeit aussetzen, sondern unter den Schlägen der Aufseher, welche sie zwingen, das schwere Ungemach auszuhalten, opfern die Unglücklichen ihr Leben auf. Einige besitzen so viel körperliche und geistige Kraft zum Ausdauern, daß sie lange Zeit ihre Leiden tragen müssen. Denn wünschenswerther ist für sie der Tod als das Leben in diesem leidensvollen Zustand.”1*) Der letzte Satz führt schon auf die orphische Phraseologie. Aber wenn Leben als Gefängnis, der Körper als verflucht, das wirkliche Leben als Strafanstalt gedacht werden, dann liegen dem Erfahrungen zu Grunde, die eben die gesellschaftliche Existenz als Qual, ohnmächtige Gefangenschaft, Unfreiheit erfahren ließen. Von hier aus erwuchsen zuerst religiöse Erlösungsgedanken.
[geklammert:] Dionysos verbreitete sich in Griechenland im 7. und 6. Jahrhundert. Die Tragödie entspringt dem Dionysoskult. Dass dieser athenischer Staatskult wurde, spricht von der Macht dieser volkstümlichen Bewegung in den Klassenkämpfen. Es spricht auch dafür, dass solche Erlösungsreligionen – die als Protest gegen Ausbeutung und Arbeitsqual entstanden waren – sich schließlich zum Stabilisator der Klassenordnung, gegen die sie protestierten, entwickelten und integriert wurden. Das welthistorische Beispiel dessen ist das Christentum.
Ich sagte, dass die These der Trennung des Körpers von der Seele das Neue ist. Bei Homer oder im Alten Testament ist dieser Gedanke in der Form unbekannt. Er charakterisiert den Übergang zu einem neuen Typus der Religion, von einer vorwiegend Naturkräfte darstellenden Mythologie zu einer gesellschaftliche Schicksale mythologisierenden Form. Die Erfahrung der Ohnmacht gegenüber der Natur wird verdrängt durch die Erfahrung der Ohnmacht in der Gesellschaft – und diese gesellschaftliche Ohnmachtserfahrung emotional in bildhafter Gestalt zu bewältigen, in Rausch und Glaube aufzuheben gesucht.
Es ist charakteristisch, dass diese Erlösungskonzeptionen sich im antiken Griechenland etwa zur gleichen Zeit formierten, als sich auch der Übergang zur Philosophie und Wissenschaft, zur Auflösung der Mythologie vollzog: Beide sind Konsequenzen einer bestimmten Entfaltung und Reife der Klassengesellschaft.
Unter Orphik versteht man also eine religiöse Bewegung, aber auch eine entsprechende Mysterienliteratur. Orphische Wanderprediger lehrten die Seelenwanderung, Heiligung der Menschen als Weg zu künftiger Erlösung. In der orphischen wie pythagoreischen Tradition bildete sich zugleich jener Komplex von Grundvorstellungen, die im 5. Jahrhundert dann zur Ausprägung des philosophischen Idealismus führten. Und innerhalb der Orphik entwickelte sich auch eine – vielfach variierte – Konzeption der Kulturentstehung und -stiftung, die dann als Maßstab und Begründung ästhetischer Konzeptionen und Normen diente.
[gestrichen:] Dies musste ich darlegen, damit das Folgende verstanden wird. Ich zitiere aus dem Brief an die Pisonen von Horaz, sein Lehrgedicht: „Ars poetica” – „Poetik” oder „Poetische Kunst” – eine der wichtigsten antiken Quellen der Poetik. Notwendig zu lesen. Wirkung bis in 18. Jahrhundert – Lessings „Laokoon” ist unter anderem eine Auseinandersetzung mit Horaz, was wiederum dessen bald zweitausend Jahre geltende Autorität charakterisiert. Und hier, bei Horaz, finden wir ein charakteristisches Aufnehmen orphischer Gedankentradition, im letzten Jahrhundert vor der Zeitenwende, rund ein halbes Jahrtausend nach ihrer Entstehung:2)
[weiterer Teil der Vorlesung:] […] Diese orphische Bewegung war mit einer breiteren verbunden, dem Dionysoskult, einem Kult, der am Ausgangspunkt der Tragödie und Komödie steht. Wir bewegen uns also gar nicht so weit weg von unserer Thematik, sondern stoßen hier auf weltanschaulich-soziale Hintergründe der Entwicklung des Theaters, des Dramas aus Kultgesängen und Spiel, wie dies im Zusammenhang mit der Entwicklung der athenischen Polis sich herausbildete.
Zunächst aber zu Dionysos. Homer kennt diesen Gott zwar schon, aber er spielt bei ihm keine Rolle. Dionysos kommt wahrscheinlich aus Thrakien, ein Gott, der Analogien im Vorderen Orient hat und dessen Kult sich vom 7. Jahrhundert an in Griechenland verbreitet.
Was war das für ein Gott? Zunächst ein Vegetationsgott, Spender der Fruchtbarkeit, Beschützer des Obstanbaus, besonders des Weines. Er ist anfangs ein bäuerlicher Vegetationsgott, als solcher ein Gott der Jahreszeiten, des Erwachens, Aufblühens und Vergehens in der Natur. Im Frühjahr erscheint er zur Öffnung der Weinfässer. Er ist kein vornehmer Gott, der von oben her die Menschen regiert, wie Zeus; sondern er erscheint auf Erden und zwingt Menschen in seinen Dienst. In seinem Gefolge sind halbgöttliche Wesen in Mensch-Tier-Gestalt, die Satyrn, Silenen; er selbst tritt in Tiergestalt auf. Seine Kultfeiern tragen orgiastischen Charakter, sind von Wein, Tanz und Ekstase erfüllt; seine Gläubigen werden „des Gottes voll” – das heißt ἐνθουσιασμός. Verkleidung, Maskierung, Selbstentäußerung und Ekstase – all das gehört zu diesem Kult. Dionysos ist Gott des Werdens und Vergehens, er ist Gott des Todes und der Wiedergeburt, wird er doch selbst zerrissen und neugeboren.
Anmerkungen:
1*) Diodor, Historische Bibliothek, Übers. J. F. Wurm, Bd. 5 (1831), S. 544f.
2) Die Stelle bei Horaz wird in der fünften Vorlesung wiedergegeben.
Findnummer: I-3.2.2.1.1.2.1./1 (a)
