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Vorlesungsteil zur Orphik

[gestrichen:] Die orphischen Lehren dürften im 6. Jahrhundert v. u. Z. entstanden sein. George Thomson weist auf Hesiod als den Bauerndichter des 7. Jahrhunderts hin, an den die Orphik in bestimmten Vorstellungen anknüpfte, besonders in der Gerechtigkeitsvorstellung, auch auf die kultischen Formen, die transformierter Feldzauber und Initiationsriten waren. In den religiös-mystischen Weihen der orphischen, eleusinischen und später auch der christlichen Mysterien wurden alte Formen mit einem neuen Inhalt versehen.

Der alte Inhalt des Initiationsritus’ war die zeremonielle Vorbereitung des Jugendlichen aufs Leben, seine Weihung und die Aufnahme in die Gemeinschaft der Erwachsenen.Der neue Inhalt aber ist die Erlösungsvorstellung. Erlösungsbedürfnis entsteht, wenn das leibliche Dasein nur noch als Qual empfunden wird. Thomson: „Mit der mystischen Initiation…verfolgte man die Absicht, den Prüfling nicht auf diese Welt, sondern auf die nächste, nicht auf das Leben, sondern auf den Tod vorzubereiten. Ihres Geburtsrechts beraubt, wenden sich die Ausgebeuteten und Vertriebenen voll Verzweiflung von der wirklichen Welt ab und richten ihre Hoffnung auf die Wiedererlangung des verlorenen Erbteils in einer eingebildeten Welt der Zukunft.”1)

Mit der Orphik bildete sich die Konzeption eines Dualismus heraus, den wir weder aus Homer noch aus der ionischen Naturphilosophie kennen. Er entstand im Volk. Der orphischen Lehre nach ist das Leben eine Sühnung, da der Mensch für die Sünden der Titanen büßt. Ein unsterblicher Teil des Menschen, die Seele, sei im Leib eingeschlossen, eingekerkert. Das Leben ist dann Vorbereitung auf den Tod, wo die Seele hoffen kann, sich aus des Leibes Gefangenschaft zu befreien. Nicht alle Seelen sind heilbar. Nur die heilbaren werden nach Reinigung und Züchtigung wieder auf die Erde geschickt, können und müssen den Bußgang wiederholen. Hat die Seele dann drei Leben ohne wesentliche Befleckung durchlaufen, so ist Erlösung möglich. Die Erlösungsperspektive ist darin begründet, dass die Menschen zwar Sklaven der Götter sind, der menschliche Leib jedoch Sklave der Seele sein soll.

Ausgangspunkt ist die wirkliche Qual der Sklaven, Leibeigenen, Arbeitenden. Als Diodor im ersten Jahrhundert seine grandiose Darstellung der iberischen Gold- und Silberbergwerke gab, übernahm er unwillkürlich Formulierungen, die orphischem Gedankengut entsprachen: „Die Arbeiter, die in den Bergwerken beschäftigt sind, liefern ihren Herrn einen so unglaublich großen Gewinn, und sie selbst müssen in den Schachten unter der Erde Tag und Nacht zum Schaden ihrer Gesundheit sich abmühen. Viele sterben hin von der übermäßigen Anstrengung; denn nie dürfen sie sich erholen und die Arbeit aussetzen, sondern unter den Schlägen der Aufseher, welche sie zwingen, das schwere Ungemach auszuhalten, opfern die Unglücklichen ihr Leben auf. Einige besitzen so viel körperliche und geistige Kraft zum Ausdauern, daß sie lange Zeit ihre Leiden tragen müssen. Denn wünschenswerther ist für sie der Tod als das Leben in diesem leidensvollen Zustand.”2*)

Die orphischen Ideen haben das Elend der Bauern, mehr noch der versklavten Bergleute zum Ausgangspunkt. Vermutlich begann die Orphik in Thrakien, in den thrakischen Bergwerksgebieten. Selbst Platons Höhlengleichnis weist noch auf den Ursprung, die Höhle als Lebensmodell der Gefangenschaft – während draußen das Licht als Erlösung strahlt – hin.

So entstand die Idee des Dualismus von Diesseits und Jenseits als Trennung von Leib und Seele in der durch Warenproduktion forcierten Sklaverei auf Grund der Erfahrungen jener, denen das wirkliche Leben ein Tod und erst der Tod möglicher Weg in ein wirkliches Leben sein konnte. Das Modell Seele und Leib wie Gott und Mensch aber lieferte die Sklavenbeziehung.

Hat der Anfang der Orphik die Dynamik des Zukunftsstrebens, lebte in ihr der soziale Protest, so wurde sie im Laufe des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zum stationären Kult, zur Mysterienreligion neben anderen. Der Protest verwandelte sich in ein statisches Gefüge der Erlösung vom immer elenden Leben. Die fortschreitende Trennung von Hand- und Kopfarbeit setzte zusätzliche Wertakzente und die verselbständigte Theorie innerhalb der abstrakter werdenden Beziehungen der Warenproduktion rationalisierte den Dualismus von Leib und Seele zum Gegensatz von materiellem und geistigem Seinsbezirk. Damit sind wir beim Idealismus als Theorie angelangt.

Es war also theoretisches Denken, das Modelle der einstigen Opposition – einer antiaristokratischen, demokratischen Opposition – übernahm, um ein absolut stationäres, ein stabiles Gefüge von Oben und Unten, ewig und zeitlich zu statuieren. Der Aufstieg zu den Ideen Platons ist Aufstieg in ein Reich der dem Werden entzogenen, ewigen, unveränderlichen Ordnungen und Urbilder. Aus dem Protest gegen die irdische Qual war das aristokratische Diktum geworden, dass das Irdische nichts als Qual, aber bedeutungslos, bloße Vergänglichkeit, bloßer Schein sei.

So liegt hinter der Metaphysik des Schönen und dem hinreißenden Schwung erotischen Schönheitskultes das Verstummen und Verfälschen der wirklichen Volksbewegung und ihrer Ideologie. So wie in den vollkommen harmonischen Skulpuren von Phidias bis Praxiteles eine Schönheit sich manifestiert, aus der die Spuren der Arbeit, der Arbeitsqual – die deren Voraussetzung ist – getilgt sind. Um deren Darstellung im Bildnerischen zu sehen, müssen wir schon die billigen kleinen Tonplastiken und Figuren der Dorfschmiede betrachten. Denen fehlt diese Schönheit.

Anmerkungen:
1) George Thomson, Die ersten Philosophen (1980), S. 198
2* Diodor, Historische Bibliothek, Übers. J. F. Wurm, Bd. 5 (1831), S. 544f.

Findnummer: I-3.2.2.1.1.2.2./1