2.
Vorlesung einführenden Charakters in das Studium der Geschichte der (antiken) Ästhetik [Fortsetzung]

Um die kulturellen Prozesse zu begreifen, müssen wir die jeweiligen objektiven ökonomischen Zusammenhänge verstehen, müssen wir die konkrete Lebens­weise der Massen kennen, müssen wir sehen, welche Rolle das, was wir als Kunst und Kultur bezeichnen, jeweils darin spielt, von wem da etwas für wen produziert wird, was der eigentliche Inhalt des Produzierens ist. Und man muss auch berücksichtigen, dass diese Prozesse allemal historisch sind. Ja, das Historische ist eine ganz wesentliche Seite des Konkreten: Ein Konkretes ist nicht erkannt, wenn ich es nicht in seinem geschichtlichen Rahmen begreife.

[…]

Macht man sich daran, Fragen der Kunst und Kultur im Kontext ihrer konkreten praktischen und historischen Lebenszusammenhänge zu studieren, so sind die Künste als Formen zu verstehen, in denen sich Menschen verschiedener Gesellschaftsordnungen selbst darstellten Formen, in denen sie miteinander kommunizierten, sich ihr eigenes Dasein bewusst machten und auch gestaltend auf ihre soziale Wirklichkeit einwirkten.

Und das lernen wir aus der marxistischen Geschichtserkenntnis: dass eben diese Prozesse der geistig-materiellen Produktion, wie die Künste sie darstellen, nicht aus einem nur individuellen Bedürfnis der Künstler erwachsen, sondern dass sie aus tiefgehenden gesellschaftlichen Bedürfnissen hervorgehen, dass das, was in einen Werk darge­stellt wird, bewusst oder unbewusst, Darstellung der Gemeinschaft, der wirklichen Lebenszusammenhänge ist – auch wenn dies in phantastischer oder symbolischer Form geschehen mag. Wir lernen daraus, dass alles geistige Bewusstwerden und Gestalten letzten Endes aus dem wirklichen materiellen Lebensprozess erwächst, aus dem wirklichen Prozess der Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens, und dass die Kunst diesem Prozess seine Gegenständlichkeit, seine Sprachmittel entnimmt. Das ist ein sehr kompliziertes Problem. Gemeint ist nicht, dass sich das Kunstwerk, die Dichtung oder ein andres Kunstgebilde etwa wie ein bloßer mechanischer Spiegel verhält; es ist vielmehr ein manngifach ver­mittelter Prozess. Die Künste informieren dabei nicht primär über ökonomische Daten, sondern über Beziehungen zwischen den Menschen, über Erfahrungen, Weltanschauungen. Sie sind produktives, konstruierendes Darstellen, und sie kommunizieren miteinander über die gemeinsame Lebenswirklichkeit.

Nochmals: Kunst- und Kulturgeschichte lassen sich nicht begreifen, wenn wir sie nicht im Zusammenhang mit den großen materiellen Gesellschaftsprozessen studieren. In diesem objektiven Zusammenhang entwickelten sich Künste und auch die Wissenschaft und nicht außer ihm; sie gingen aus massenhafter alltäglicher Praxis hervor, sind Ergebnis von Differenzierung und Arbeitsteilung auf der Grundlage eben des materiellen Lebensprozesses, den sie nicht nur reflektieren, sondern der zugleich ihr Boden ist, der die Mittel liefert, mit denen sie gestalten.

Die Kunst ist dabei selbst Moment des geschichtlichen Gesamtprozesses, der sich in der Beziehung der Menschen zur Natur vollzieht das ist ihr notwendiger Stoffwechselprozess und in der Beziehung der Menschen untereinander. Diese Beziehungen nahmen innerhalb der Klassengesellschaft widersprüchlichen, ausbeuterischen Charakter an; der Klassenkampf wurde Triebkraft der Geschichte.

Das haben Sie schon in der Schule gelernt aber es ist ein weiter Weg, bis wir mit solchen Einsichten wirklich etwas anfangen können.

Es genügt ja nicht, allgemeine Sätze zu behaupten. Damit habe ich noch keine besondere Sache begriffen. Und was wirklich existiert, sind ja keine abstrakten Allgemeinheiten, sondern sehr konkrete Sachverhalte, Prozesse. Und die lassen sich aus etwas Allgemeinem nicht einfach ableiten. Um sie wirklich zu begreifen, muss ich sie studieren.

Ich gebrauchte das Wort „konkret”. Das Konkrete ist konkret, weil es die Einheit des Mannigfaltigen, die Einheit vieler Bestimmungen ist, des Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen. Konkret ist nicht das Einzelne, sondern das Einzelne in seinen objektiven Zusammenhängen. Ein solches Verständnis gehört in die Erkenntnistheorie, die Methodologie des dialektischen Materialismus; das gehört als Leitfaden aber in alle Wissenschaft, die betrieben wird.

Wollen wir die Lebenszusammenhänge in der DDR begreifen, müssen wir einmal allgemein den Epochenzusammenhang verstehen, in dem wir leben und müssen zugleich die Geschichte der DDR verstehen, um zu wissen, warum wir heute so existieren wie wir existieren, warum zwei entgegengesetzte gesellschaftliche Formationen auf deutschem Boden bestehen, welche Klassenwurzeln diese in der deutschen Geschichte haben, das Resultat welcher Kämpfe wir sind etc.

Alles bisher Gesagte sollte deutlich machen, wie wichtig und aufschlussreich es ist, sich mit Geschichte zu befassen, Geschichte in ihrer Komplexität materieller und geistiger Prozesse. Für das griechisch-römische Altertum trifft das dabei in besonderer Weise zu, weil wir hier an die Quelle, an das Entspringen unserer Zivilisation zurückgehen. Dieser Ursprung prägt uns noch heute mit; wir sind ihm bewusst oder unbewusst durch tausend Fäden verbunden. Dessen Leistungen legten Grund für Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint.

Aber es gibt nichts Selbstverständliches. „Selbstverständlich” ist ein bloßer Ausdruck der Unbewusstheit von Zusammenhängen. Philosophisch-wissenschaftliche Kultur zeigt sich eben darin, dass sie nichts als selbstverständlich nimmt so wenig die Luft, die wir atmen und das Atmen selbst selbstverständlich sind. Sie sind hingegen hochkomplizierte Produkte der Naturgeschichte.

Wir studieren Geschichte gerade um der geschichtlich realen Beziehung willen, in der wir zu ihr stehen; mag es sich um weiterwirkende Traditionen, um bewusste Rückgriffe oder anderes handeln. Wir studieren sie zugleich um der Maßstäbe willen, die in ihr gesetzt wurden – ohne deshalb, wie einst in der klassizistischen Utopie, ein anbetendes, unkritisches Verhältnis zu ihr einzunehmen. Wir studieren im Besonderen die Geschichte des wissenschaftlich‑philosophischen Denkens, weil diese Geschichte den inneren, systematischen Zusammenhang aller theoretischen Fragen enthält.

Die griechisch-römische Geschichte studieren wir speziell, weil sich deren außerordentliche Leistung u.a. darin manifestiert, dass es nachdem diese Zivilisation zusammengebrochen und zerstört war immerhin tausend Jahre dauerte, bis eine Entwicklung einsetzte, die sie in kultureller und zivilisatorischer Hinsicht übertraf. Wir studieren sie auch im Hinblick auf die Grenze der Entwicklungsmöglichkeiten, die ihr gesetzt war: Sie lag in dem Widerspruch zwischen Sklavenhaltergesellschaft und Warenproduktion. Unter diesen Bedingungen stieß die Entwicklung der Arbeitsproduktivität eben an eine Grenze. Sie wurde erst vom Kapitalismus, der den freien, von Eigentum wie von persönlichen Knechtschaftsbindungen freien Arbeiter erzeugte, gesprengt. Mit ihm war eine neue, enorme Produktivkraft entstanden.

Wir studieren also griechisch-römische Antike, um unser eigenes geschichtliches Gewordensein besser zu begreifen. Es geht uns darum, ihre schöpferischen Leistungen für die sozialistische Kultur fruchtbar werden zu lassen. Wir begehren diese als potenzielle Elemente unserer Kultur.

In der letzten Vorlesung waren wir bis zu jener großen neolithischen Umwälzung gekommen, die sich aus Seßhaftwerdung und Arbeitsteilung zwischen Jägern, Hirten und Bauern ergab, dem gewaltigen Prozess der agrarischen Revolution, die im zehnten Jahrtausend vor unserer Zeit allmählich beginnt. Hier fängt das Halbnomadentum an und beginnt schließlich auch die Seßhaftwerdung. Diese führt im achten Jahrtausend schon zu ersten städtischen Siedlungen. In noch vorkeramischer Zeit finden wir mächtige Bauten, so etwa die berühmte Stadtmauer von Jericho, die Blöcke von zwei mal drei Meter enthielt und die ein Areal umspannte, das ca. dreitausend Menschen bewohnten. Noch herrschte urkommunistische Gentilgesellschaft. Funde zeigen den Ahnenkult, die Verehrung der angenommenen Stammes- und Gentilahnen.

Früh bilden sich Formen der militärischen Demokratie mit Stammesführern. Aber auch die Rolle der Frau ist bedeutend; die mutterrechtliche Abstammung dominierte wohl.

Bei einer der aufregendsten Entdeckungen der letzten Jahrzehnte fand man 1958 in Çatal Höyük in Anatolien eine Tempelstadt aus dem siebten und sechsten Jahrtausend mit hochentwickelter Kunst, die die Tradition der jägerischen Beobachtungskunst mit geometrischer Abstraktion vereint. Neben Zeugnissen des Jägerkultes finden wir hier die Verbindung des paläolithischen Fruchtbarkeitskultes der Frau mit dem pflanzlichen Werden, was eben auf die Agrarrevolution hinweist. Wir können uns den Bruch nicht tief genug vorstellen: Ein Jägernomade bedarf ca. zwanzig Quadratkilometer für seine Nahrung – aber von einer solchen Fläche konnten sich in etwa fünftausend Bauern ernähren. Das ist eine Steigerung der Arbeitsproduktivität auf das fünftausendfache. Nun setzte eine schnelle Entwicklung ein.

Die Zeit vom achten bis zum vierten Jahrtausend ist die Periode der allmählichen Auflösung der urkommunistischen Gesellschaft, der ersten Herausbildung des Privateigentums und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Es kam hier zu ersten Staatsbildungen, zunächst als Stadtstaat, dann aber – und das war entscheidend – als große Territorien mit vielen Städten umfassender Staat.

Diese Periodisierung gilt übrigens so nur für den Vorderen Orient. In Europa verzögerte sich die Entwicklung um etwa tausend Jahre.

Es liegt auf der Hand, dass der Kern der Entwicklung, das, was sie möglich gemacht hat, die Entwicklung der Arbeitsproduktivität gewesen ist. Das geschah durch Fortschritte bei den Werkzeugen sowie durch erste Formen mechanischer Kollektivarbeit. Die Arbeitsteilung in den Städten führte zur Trennung von Handwerkern und Bauern, auch zur Herausbildung von geistigen Arbeitern von Spezialisten der Gesellschaftsleitung. Sie führte ebenfalls zur Entstehung von Spezialisten der bewaffneten Gewalt. Die Städte wurden ja zunächst als Schutzburgen gebaut. Sie waren Agrarstädte, die ein bestimmtes Territorium beherrschten und zunehmend Han­del entwickelten und dementsprechend in heftigem Konkurrenzkampf mit anderen Städten lagen. Sie mussten sich auch gegen immer wieder anbrandende nomadische Wellen behaupten. Zur Entwicklung der Produktion bedurften sie ihrerseits sowohl der Rohstoffe, die im Zweistromland nicht vorhanden waren als auch produzierender Menschen, insbesondere Sklaven. Handel und Krieg begannen somit zugleich; Händler und Kriegsspezialisten entstanden parallel. Das wiederum bewirkte eine allmählich zunehmende soziale Differenzierung, die Auflösung der demokratischen Gentilgenossenschaft, die allmähliche Tendenz, die Blutbande durch lokale Bindungen zu ersetzen, den Übergang der politisch-militärischen, zugleich oft kultischen Führerschaft zu einer Erbaristokratie, die ihrerseits die militärische Macht konzentrierte, Vorrechte sich eroberte, größe­res Eigentum akkumulierte und zum Herren der Sklaven wurde. Der allmähliche Übergang zum Privateigentum, zur Differenzierung von arm und reich führte zur Schuldsklaverei, zum Menschen als Ware. Die Hauptquelle der Sklaverei war jedoch der Krieg.

Innerhalb der städtischen Gesellschaften entbrannte der Klassenkampf; er wurde verstärkt durch deren Expansion, die Unterwerfung anderer Völker, ebenso durch das Sich‑behaupten‑Müssen gegen den ständigen Ansturm von Nomaden und in Wanderung gekommene Bauernvölker. Diese konfliktreiche Situation führte dazu, dass sich innerhalb der Städte und im Konkurrenzkampf zwischen den Städten – zunächst im sumerischen Gebiet – Territorien umspannende Staaten herausbildeten. Sie entstanden umso mehr, als sie auch notwendige ökonomische Funktionen erfüllen mussten, vor allem die Flussregulie­rung und Bewässerung in den großen führenden Flussoasenkulturen.

Es war im vierten Jahrtausend, wo Staaten als organisierte Machtapparaturen entstanden. Das geschah zunächst in der Form des Priesterkönigtums, wobei die Tempel mit der Funktion der Bevorra­tung zugleich Zentren der Speicherung geistiger Errungenschaften wurden. Sie waren Ausgangspunkte sowohl der Mathematik, da hier die Einkünfte und Abgaben berechnet wurden als auch der Astronomie, die der Berechnung der Bewässerung diente.

Diese Entwicklung lässt sich sehr gut an den architektonischen Gegebenheiten der Städte, soweit diese ausgegraben sind, ablesen: Lagen die Tempel anfangs inmitten der Wohnplätze, trug die Gesamtordnung entsprechend der Gentildemokratie einen homogenen Charakter, so bildeten sich allmählich besondere befestigte Bezirke heraus, Tempel- und Palastbezirke, die eine burgähnliche Absicherung gegenüber den Bewohnern der eigenen Stadt darstellten so wie die ganze Stadt gegenüber äußeren Feinden abgesichert werden musste.

Zu den gesellschaftlichen Strukturen gibt es für diese Zeit gute Dokumentationen. So hatte die Stadt Lagasch am Unterlauf des Tigris in der Mitte des dritten Jahrtausends bei rund vierzig‑ bis fünfzigtausend Bürgern eine Aristokratie vollberechtigter Bürger von dreitausendfünfhundert Personen, ein Verhältnis, das durch Klassenkämpfe und Reformen umgewälzt wurde und sich dann wieder herstellte.

Im dreiundzwanzigsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde Akkad Zentrum des ersten Großstaates, der ersten Vereinigung des Zweistromlandes, die über die ältere sumerische Kultur und deren Staatsbildungen gesiegt hatte. Akkad lag vermutlich etwa in der Mitte zwischen Euphrat und Tigris, im Raum ihrer größten Annäherung am Mittellauf. Sein Herrscher Sargon I. gründete auch – ein Kriterium der Staatsbildung – das erste schwerbewaffnete stehende Heer, auch wenn seine Größe für uns gering erscheinen mag: Es umfasste fünftausendvierhundert Krieger. Von Akkad ging als erstem Groß­reich eine allgemeine und zentralisierte Regelung der Bewässerung aus – sie bezog sich auf das Gesamtreich.

Das Zweistromland ist recht arm an Bodenschätzen. Aber die Funde zeigen Metalle bereits aus früher Zeit: Gold, Silber, Kupfer. Auch Edelsteine und Holz wurden verwandt. All das ist wesentlich importiert worden. Dabei muss der Handel, auch der Seehandel, hochentwickelt gewesen sein und das in seiner Verschwisterung mit dem Raub. Schon zwischen dem frühen Sumer und In­dien bestanden im vierten Jahrtausend Verbindungen. Und auch früh schon begannen be­stimmte Waren Geldfunktion zu erfüllen.

Im dritten Jahrtausend setzte sich die Verwendung von Bronze durch. Bronze war teuer und Bronzewaffen ein Mittel, den Gegensatz zwischen der Sklavenhalteraristokratie und den Massen, die sich diese modernen Waffen nicht leisten konnten, zu vertiefen. Demgegenüber hatte das Eisen, das universell zu finden und leichter zu gewinnen war, eine demokratisierende Funktion – von allen produktionstechnischen Fragen einmal abgesehen. Die Eisenvölker des zweiten Jahrtausends und das gilt bis zu den Germanen , hatten stärkere demokratische Traditionen und Einbindungen, weil die eisernen Waffen von allen Stammesgenossen getragen, benutzt und besessen werden konnten.

Wir wollen in unserer Vorlesung insbesondere über die griechische Kultur, über die griechische Philosophie und Ästhetik sprechen. Aber es entsteht zu sehr die Illusion, als ob diese Kultur anfänglich gewesen sei. Es ist jedoch umgekehrt: Der hier behandelte Teil der Geschichte ist nur ein winziger Abschnitt der Menschheitsgeschichte; er ist Spätprodukt, Resultat.

[…]

Bei allen Kontinuitäten, die wir innerhalb der Geschichte finden, ist sie auch durch Zäsuren getrennt, durch Zäsuren, wo quantitative Anhäufung zu einer neuen Qualität führte, wo Neuansätze auf dem jeweils historisch Errungenen sich erhoben – und ein solcher Neuansatz waren eben die Leistungen der Griechen.

Aber wenn wir uns auf sie konzentrieren, auf das Entstehen von Philosophie, von wissenschaftlicher Rationalität etc., so dürfen wir nicht außer acht lassen, dass die Entstehungsgebiete zunächst Inseln waren, Einzeldurchbrüche innerhalb einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, dass daneben und auch in Griechenland selbst frühere Entwicklungsstufen weiter existierten, dass jedes Neue eigentlich eine Amalgamierung von alt und neu war, dass von unseren Ahnen im alten Griechenland eben nicht eine lineare Herleitung auf uns möglich ist gewissermaßen von Spitze zu Spitze , sondern dass die eiszeitlichen Jäger und Sammler und ihre Zauberer-Schamanen, dass die neolithischen und bronzezeitlichen Bauernkulturen, dass die uralte Fischerei hier mit zu berücksichtigen sind – und dass auch diese wiederum eine faktisch unabsehbare Geschichte zur Voraussetzung hatten. Gerade die Revolutionen unserer Epoche sollten den Blick dafür mit schärfen: Da kommt — wenn wir an Asien, Afrika und Südamerika denken – mit dem Kapitalismus und Imperialismus diese perennierende Frühgeschichte mit in Bewegung, diese unendlich langsam reagierenden und sich wandelnden Strukturen der asiatischen Produktionsweise, ja noch der Gentilgesellschaft in ihren zahlreichen, unter Formen der Unterdrückung konservierten Bindungen, Haltungen etc.

Also: Voraussetzungen der Griechen waren Tätigkeiten, die im Neolithikum und früher entwickelt wurden – und die wir auch heute noch betreiben. Denken Sie an Landwirtschaft, Viehzucht, Fischfang, Bergbau und Seefahrt!

Wenn in Shanidar, einer Höhle im nördlichen Irak, Überreste von Neandertalern und in der La Adam-Höhle in Rumänien Steinwerkzeuge ausgegraben worden sind, so wurden hier Menschheitsdenkmale zutage gebracht. Es ist gut möglich, dass neue Funde unsere Vorstellungen von der Urgeschichte des Menschen in naher Zukunft noch erheblich verändern werden.

Die großen Flussoasenkulturen in Neolithikum und Bronzezeit schufen die unmittelbaren Voraussetzungen, auf denen die griechische Kultur basiert. In einem ersten großen Anlauf der Bronzezeit bildeten sich vom Ende des vierten bis in das erste Drittel des dritten Jahrtausends – also bis etwa 2700 vor unserer Zeitrechnung grundlegende Leistungen in der Produktivkraftentwicklung heraus, die dann, bei im Ganzen dominierender Stagnation, erst mit der Eisenzeit einen neuen Impuls erhielten. Hier kam es zu wesentlichen Veränderungen, zu neuen technischen Entwicklungen, wobei die spätantike Zeit noch hervorzuheben ist. Der entscheidende Umbruch in der Geschichte der Technik und Wissenschaft – eine ungleich höhere neue Qualität – wurde erst mit dem sich herausbildenden Kapitalismus vom 16. Jahrhundert an möglich. Die wesentlichen geistigen Voraussetzungen hierfür – eben nicht die technischen – hat dazu jedoch das klassische Griechenland geschaffen.

Was war durch die ersten Hochkulturen im Euphrat- und Tigristale sowie im Niltale errungen worden? Die Grundlage bildete der Ackerbau der in der Regel noch stammesgebundenen blutsverwandten Dorfgemeinde, die als ganze unterdrückt und abhängig war. In den Städten als Zentren von Herrschaft, Staat, Handel und Handwerk sowie als Zentren überlokaler Arbeitsorganisation, Kooperation fand diese Kultur ihren Kern – und diese Kooperation ermöglichte sowohl die künstliche Bewässerung wie auch die Riesenbauten der Pyramiden.

Die städtische Arbeitsteilung vertiefte sich weiter, besonders die von Kopf- und Handarbeit. Die Tempelpriester wurden erste Administratoren, waren als solche Rudimentärwissenschaftler. Die Arbeitsteilung führte auch zur Spezialisierung der künstlerischen Berufe, wenngleich ein spezifisch künstlerisches Selbstbewusstsein noch nicht bestand. Mit Maler, Bildhauer, Baumeister, Musiker etc. bildeten sich, neben denen von Bäcker, Weber, Schmied, Zimmermann, Juwelier und Töpfer, gesonderte Professionen heraus.

Die entstandene Klassengesellschaft und Staatsorganisation schuf – entsprechend der klassenmäßigen Aufspaltung das Recht des Eigentums und das des Staates. Erinnert sei an die berühmten Gesetze Hammurabis um 1800 vor unserer Zeit.

Während man den Ackerbau zunächst in relativ unveränderter Technik betrie­b, wurde von den Städten aus der Metallgebrauch entwickelt – zuerst in Form von Schmuck, dann für Waffen und Werkzeuge. Wesentliche Grundlagen der Metallurgie entstanden. (Wie befremdlich die Metallkunst dabei zunächst auf die Menschen wirkte, können wir an bronzezeitlichen Sagen ablesen. Ihnen ist die griechische Sage von Dädalus, auch die alte germanische von Wieland dem Schmied bekannt. Der metallbeherrschende und formende Meister hatte die Aura des Unheimlichen, Dämonischen. Verstärkt wurde das natürlich dadurch, dass die Schmiede die Techniken ihres Produzierens geheim hielten.)

Der Schiffsbau mit Rudern und Segeln gehört zu den Leistungen dieser Zivilisation, ebenso die Erfin­dung des Rades, auch die Verwendung von Tieren als Zugvieh des Karrens und Wagens. Qualitativ überholt wurde all das erst vier‑ bis fünftausend Jahre später durch Eisenbahn, Auto und Flugzeug.

Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit hatte ungeheure Folgen. Sie war Bedingung der Entstehung der Wissenschaft, da es über das mündlich—gedächtnismäßige Sammeln und Überliefern von Wissen hinaus nun zu dessen systematischer Speicherung und zu ersten erkenntnisbringenden Methodiken kam. Die Tempelwirtschaften benötigten Verwaltungsmittel zwecks Berechnung von Abgaben, Vorräten, auch zur Planung von Aussaat und Bewässerung. Das galt auch für den Handel. Das Ergebnis war die Entstehung der Schrift, des Maßes, der Zahl und mit ihr der Mathematik. Wohl älter als die Schrift ist die erste Arithmetik, welche an die bewusste Handhabung von Zeichen in systematischer, festgelegter Form gewöhnte. Sie zwang zu einer für uns schwer vorstellbaren und doch von jedem Kind erst mühsam zu erlernenden gewaltigen kognitiven Leistung: zur Abstraktion von den Dingen und dem Vermögen, sie als bloße Quantitäten betrachten zu können.

Der Städtebau, besonders der Bau von Häusern mit regelmäßig geformten Lehmziegeln, erzwang die Geometrie. Auch die Landvermessung machte sie notwendig.

Damit war auch eine Voraussetzung der Astronomie gewonnen. Die jahreszeitlichen Wechsel und die agrarischen Planungen bei der staatlichen Regulie­rung des Ackerbaus brachten das Bedürfnis danach hervor. Der Sonnenkalender, der um 2700 in Ägypten aufgestellt wurde, blieb dann Jahrtausende in Gebrauch.

Aufgrund der Notwendigkeit der Gesundheitserhaltung entwickelte sich aus den Medizinmännern und Priestern eine besondere Gruppe von Heilspezialisten, die Ärzte, deren Wissen, Beobachten dann für die Medizin, die Botanik und die Physiologie erste Grundlagen legten.

Mit alldem verbunden ist die Entstehung der Schrift – als eine der bestimmenden und dauernden kulturellen Leistungen. Zunächst wurden Bilder auf Tontäfelchen geritzt. Aus diesen piktographischen Schriftbildern, welche das Gemeinte eben bildlich darstellten, wurden Zeichen: Das, was dargestellt wurde, ward zum Zeichen ganzer Klassen ähnlicher Gegenstände: zum Ideogramm.

Wichtiger noch ist eine andere Entwicklung: Die Bildzeichen wurden zu Darstellungen des sprachlich artikulierten Namens und dann zu Zeichen bestimmter Laute bzw. Lautkombinationen. So ging man zu Phonogrammen über. Die höchste Entwicklung dessen ist das Alphabet, das dann später, im ersten Jahrtausend, die Phönizier ent­wickelten. Wir müssen bedenken, welche ungeheure Leistung darin liegt, welch eine Entwicklung des Denkens! Alles Sprechen wird durch eine begrenzte Anzahl lautbezeichnender Zeichen fixiert. Aus der Kombination dieser Zeichen, die sinnfrei sind, werden Silben und Worte, werden Sätze dargestellt, analog der Sprache, nur auf einem höheren Abstraktionsgrad. Schon der Gedanke, die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit des Sprechens als Kombination von Grundlauten – fixiert in den vierundzwanzig Buchstaben – beherrschbar zu machen, ist eigentlich etwas Ungeheuerliches! Es ist eine Leistung, die die menschliche Entwicklung grundlegend bestimmt hat, und von der wir heute noch abhängen. Mit ihr war ein Organ der Wissensspeicherung und -kommunikation, der Wissensverbreitung und ‑verarbeitung gewonnen.

Gerade weil für uns Lesen und Schreiben längst selbstverständlich geworden sind, vergessen wir, dass hier Menschen ein künstliches System geschaffen haben, das eine unendliche Bedeutungsvielfalt zu vermitteln fähig ist, eine Kodierung der Sprache, die ihrerseits wiederum die Sprache und das Sprechen mit bestimmt – und dass dieser Speicher des Kommunizierens und Wissens eine ungeheure Entlastung bedeutete. Freilich blieb dies zunächst für Jahrtausende Monopol der Elite und Schreiberkaste.

Gegenüber der paläolithischen Kunst gibt es gewaltige neue Errungenschaften – wobei wir immer wieder in den bildenden Künsten das Bewahren, das Weiterführen und das neue Erschließen der wirklichkeitsgetreuen Gestaltung natürlicher Erscheinungen (fortgeführt jetzt in Bezug auf den Menschen) sowie die Verarbeitung, Ordnung, Gliederung, Stilisierung, Verwandlung in symbolische Bilder und Zeichen, auch die Gliederung großer Massen, verfolgen können. Dies vollzieht sich sowohl hin zur freien, wenn auch blockgebundenen Plastik als auch zur ornamental-malerischen Wandgestaltung. Sehr früh im dritten Jahrtausend finden wir, entsprechend der Härte der orientalischen Despotien, kanonische Stilisierungen und Themenbindungen, die Kunst als Schmuck von Palast und Tempel in festgelegten rituellen Schemen – Feier eines als übermenschlich dargestellten Gottkönigs und der herrschenden Schicht. Überhaupt ist die – erst spät aufkommende – ideologische Vertuschung von sozialen Gegensätzen in den naiven Darstellungen relativ wenig vorhanden: Die herrschende Klasse sagt offen und brutal ja zu ihrer Herrschaft, bekennt sich in stereotyp festgelegten, sich häufig wiederholenden Formeln zu ihren Herrschertaten.

Und es ist durchaus nützlich, sich solche Selbstdarstellungen an­zuschauen – besonders um zu wissen, wie und mit welchen Mitteln sich diese Staaten konstituierten. Am brutalsten ist die Sprache des Assyrischen Reiches, eines ganz besonders auf nackte Gewalt und militaristische Herrschaft gegründeten Staates. So heißt es in den steinernen Sieges- und Ruhmchroniken: „Die Köpfe der Krieger schnitt ich ab und bildete eine Pyramide gegen­über der Stadt, die Knaben und Mädchen verbrannte ich im Feuer.” „Die lebenden Gefangenen”, rühmt sich ein andrer, „setzte ich auf Pfähle ringsum die Stadt und den übrigen stach ich die Augen aus.” [Zitierquelle??]

Außer derartigen Berichten von Grausamkeit und Bestialität gibt es realistisch zeigende rühmende bildliche Darstellungen von Kriegsgefangenen, Gefesselten, Sklaven, Geschundenen und Gemarterten. Die bildende Kunst schuf hier – sei es in Abbildung von Triumphzügen oder in der Grabbemalung – ein ungeheures Panorama, in dem wohl aller Glanz den Herrschern und Priestern zufällt und dennoch, direkt oder indirekt, das gewöhnliche Leben der Massen naiv selbst mit zur Sprache kommt. Denken wir an die vollendeten ägyptischen Arbeitsdarstellungen, aber eben auch an die stolz aufgezählten Massen der Unterworfenen und Versklavten.

Dieser Widerspruch zwischen stilisierter Hochfeier der Herrschaftsträger und Realistik in sozialer Hinsicht ist charakteristisch. Er zeigt die Künste im Dienste ihrer jeweiligen Gesellschaft, hier im Dienste vor allem der Despotien, für die in großen Palast- und Tempelwerkstätten gearbeitet wurde.

Der revolutionäre Kampf unterdrückter Völker und Klassen fand weniger in der bildenden Kunst, mehr in der Dichtung seine Sprache. So ist das ägyptische „Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele” aus dem 19. Jahrhundert vor der Zeitwende Reflexion eines gescheiterten Revolutionärs und Empörers, Reflexion seiner Niederlage:

„Siehe, mein Name ist anrüchig,
Siehe, der Bund der Revolution,
der Empörung ersann,
sein Rücken wird gesehen [er ist geschlagen]…

Zu wem soll ich heute noch sprechen?
Die Gefährten sind schlecht.
Die Freunde von heute lieben nicht.
Zu wem soll ich heute noch sprechen?
Habgierig sind die Herzen.

Ein jeder raubt die Habe seines Nächsten…
Zu wem soll ich heute noch sprechen?
Die Sanftmut ist zugrunde gegangen,
Der Hochmut breitet sich bei allen Menschen aus…

Ich bin mit Elend beladen.
Es mangelt mir an Vertrauten…
Das Unrecht hat das Land in seinen Bann geschlagen.
Es findet kein Ende…”

[Zitierquelle??]

Eine Tiefe der Lebenssicht und der Humanität wird hier spürbar, die historisch eine hochdifferenzierte gesellschaftliche Struktur zur Voraussetzung hat, d.h. ein vielseitig entwickeltes Beziehungssystem, das seinerseits die subjektive psychische Differenzierung und Bewusstheit erzeugt.

Mit der Ausbeutung begannen die – zunächst aussichtslosen – Klassenkämpfe gegen die Ausbeuter, die ihrer subjektiven Zielsetzung nach bestenfalls frühere, als gerechter empfundene vorklassengesellschaftliche Ideale hatten. Sie führten aber nie über die asiatische Ordnung, über die Sklavenhaltergesellschaft hinaus, erbrachten im günstigen Falle kurzzeitige Erfolge oder bestimmte Modernisierungen. Auf Grund der objektiven ökonomischen Bedingungen reproduzierten sich immer wieder die fest etablierten Klassenverhältnisse.

Hinsichtlich der Kunstentwicklung zeigt sich in dieser – an früheren Phasen des Neolithikums gemessen – außerordentlich schnellen, wechselvollen Entwicklung auch ein Akkumulationsprozess ideologischer Bewusstheit, d.h. an Bewusstheit bezüglich des Verhältnisses künstlerischer Formen und Normen zu sozialen, politischen und religiösen Interessen und Normen.

Dies wird nicht nur am Wechsel künstlerischer Formen im Gefolge von Eroberungen sichtbar. Das wird auch am äußerst konservativen Normcharakter staatlich-repräsentativer Darstellungsmuster sichtbar. Das wird sichtbar am Widerspruch zwischen der staatlich—offiziellen Kunst und jenen Produktionen, die mehr dem internen Privatgebrauch dienten. Das wird sichtbar am Verhältnis der Künste in den Ballungszentren zu den Produktionen abhängiger Dörfer. Das wird sichtbar an der Dorfproduktion für vorgeschriebene Bestellungsmuster. Das wird sichtbar schließlich an Stilbrüchen, die im Gefolge gesellschaftlich-politischer Wandlungen auftreten, aber auch an charakteristischen Rückgriffen auf als klassisch und normativ betrachtete vergangene Phasen. Es findet seinen Ausdruck auch in immer wiederholten Rückgriffen auf als klassisch bewertete Muster.

Ein schönes Beispiel bietet die sogenannte ägyptische Amarnazeit. Das ist zu Beginn des 14. Jahrhunderts vor der Zeitrechnung. Ägypten hatte schon eine große, wechselvolle Vergangenheit höchster Machtentfaltung, Kultur, aber auch furchtbarer Kriege, Bürgerkriege, revolutionärer Aufstände sowie der Unterjochung hinter sich – wir befinden uns im Neuen Reich, das sich nach der Befreiung von der Fremdherrschaft, die durch die Hyksos ausgeübt wurde, wieder stabilisiert hatte und zu einer gewaltsam expandierenden Macht geworden war. Der König herrschte in Konkurrenz zur großen Erbaristokratie und der Tempelaristokratie, welche riesige Latifundien mit Sklavenheeren und Abhängigen besaßen. Auf dem Höhepunkt der Macht dieses weit nach Nubien und Syrien herrschenden Staates versuchte ein Pharao, Echnaton, gestützt auf den Verdienstadel, die Macht der Großaristokratie und der Tempelpriester zu brechen. Dies geschah wie unter den Bedingungen orientalischer Despotien, durch Stiftung einer neuen Religion, einer einheitlichen Staatsreligion, bezogen auf Aton, den Sonnengott, der wiederum mit dem Pharao verschmolz. Und in diesem Kampf, der äußerlich ein Konkurrenzkampf zweier Fraktionen der herrschenden Klasse war, kamen tiefere soziale Fragen in Bewegung – und eben das gewann Ausdruck in der Kunst. Vorher hatten wir höfische Modelle, Ideale, Maßstäbe. Durch das höfische Schönheitsideal begann sich die realistische Portraithaftigkeit ägyptischer Kunst zu verlieren. Kunstvollste Frisuren und Fülle des Schmuckes ließen den Charakter in der Eleganz ersticken; Verfeinerung, Stilhaltung­, höfische Norm dominierten. Nun dagegen entwickelte sich bei diesem Umwälzungsversuch eine ganz andere Art von Kunst. Sie war realistisch bis zum Derbsten; die Physiognomien sind naturwahr, ohne Verschönerung und Verfeinerung. Der Pharao zeigt sich in seiner Hässlichkeit bis zum Karikaturhaften. Wir haben einige Beispiele hier in Berlin im Alten Museum.

Echnatons Reform blieb jedoch erfolglos. Seine Nachfolger versöhnten sich mit den Aristokratien von Latifundien und Tempeln. Schnell wandelte sich der Kunststil – und nach wenigen Jahren dominierten wieder höfische Schön­heit und Form. Die höfisch-priesterliche Reaktion wusste genau, welche Ideale sie zur Norm erhob, ebenso wussten Echnaton und seine Dienstleute, warum sie eine Kunst der Zerstörung höfischer Idealität durchsetzten. Hier stehen zwei Stile einander gegenüber, Wertordnungen, zwei weltan­schauliche und soziale Konzeptionen, gegensätzliche Auffassungen über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, gegensätzliche Bilder dessen was der Mensch ist.

Wir können aus den künstlerischen Dokumenten also durchaus ästhetische Ideale und Konzeptionen ablesen. Wir finden auch Dokumente und Ergebnisse von mit staatlich-religiöser Autorität getroffenen kanonischen Festlegungen. Eine jede solche Festlegung schließt andere Möglichkeiten gewaltsam aus. In den großen, meist mit Tempel und Hof verbundenen Werkstätten bildeten sich Traditionen, ein institutionalisiertes Wissen, das weitergegeben wurde. Dieses hoch entwickelte handwerklich‑empirische Wissen stellte im Vorderen Orient wie in Ägypten einen ungeheuren Schatz von Techniken und Motiven, von Erkenntnissen und Verfahren dar. Aber es blieb im Bereich der Ansammlung und Weitergabe anzuwendender praktischer Regeln. Ähnlich wie beim gleichzeitigen außerkünstlerischen Handwerk wurden hier Produktionserfahrungen und Bedeutungsnormen überliefert. Wissen und Können waren persongebunden und wurden wesentlich mündlich weitergegeben. So entstand eine Tradition, die als solche keine Begründung lehrte, was warum so galt, sondern die eben das überlieferte, was vorher galt.

Zunächst langsam entwickelte sich Griechenland am Rande dieser orientalischen Kulturen. Seine neolithischen Überlieferungen lassen sich bis ins fünfte Jahrtausend datieren. Um 2500 beginnt im Nachzug die Bronzezeit und um 1900 finden große Einwanderungsschübe statt, die die vorgriechische, nichtindogermanische Sprachen sprechende Bevölkerung verdrängen oder überlagern. Es entwickelt sich die aristokratische mykenische Kultur, von der die Homerischen Epen Jahrhunderte später berichten, bis – als ein Teil der großen Völkerbewegung des 12. Jahrhunderts – die Stämme im Norden Griechenlands aufbrechen und die hochentwickelten Kulturzentren erobern und zerstören. Diese erlagen der Kraft der kollektiven Gemeinsamkeit noch nicht durch tiefe und erstarrte Klassengegensätze zerrissener Barbarenstämme. Sie kämpften mit Eisenwaffen; Bronze, aus dem die Waffen der Aristokratie entstanden, war selten und im Vergleich zum Eisen weich. Eisen, dessen Bearbeitung eine höhere Technik erforderte, war hingegen verbreitet und wurde zum Metall für Waffen wie Werkzeuge.

War die mykenische Kultur durchaus Bestandteil des mittelmeerisch-vorderasiatischen Gesamtkomplexes, der durch zahlreiche Handelsbeziehungen sich auszeichnete, so zerrissen diese Verbindungen nun. Auf dem Erbe, dem Boden der alten Kultur entwickelten sich die neu eingewanderten Stämme, die sich mit der alten Bevölkerung, soweit sie diese nicht verdrängt hatten, verschmolzen. Zunächst bildete sich eine bäuerlich-kriegerische Adelskultur heraus, bis sich dann in den Zentren allmählich Städte und Handwerk etc. etablierten. Mit dem neunten und achten Jahrhundert tritt Griechenland wieder in lebhafte Handelsbeziehungen; jetzt setzt eine schnelle Entwicklung ein, eine der Stadtstaaten und ihrer Expansion in Tochterstädten – eine Entwicklung, die über große revolutionäre Kämpfe sowie wirtschaftlichen Aufschwung schließlich zum Sieg der demokratischen Polis als politischer Form im sechsten und fünften Jahrhundert führt.
Damit sind wir bis zu der Zeit gekommen, die der Gegenstand dieser Vorlesung ist. Die große Entwicklung in Griechenland vom achten bis zum fünften Jahrhundert ist die Durchbruchs- und Blütezeit der griechischen Kultur. Sie führt zugleich zum Umschlagspunkt ihrer Krise. Das werden Sie noch genauer kennen lernen.

Entscheidend ist: In einem erheblich schnelleren Verlauf als je zuvor in der Geschichte vollziehen sich in Griechenland die Herausbildung von Arbeits‑ und Klassenteilung, der Übergang zur Warenproduktion und zum Sklavenhaltertum. Dies geschieht auf dem Schutt und dem ethnischen Erbe der mykenischen Kultur. Die höhere Produktivität der Arbeit einerseits forciert die Entstehung der Warenproduktion gegenüber der Produktion nur für den eigenen Bedarf. Dieser forciert den Handel, welcher wiederum höhere Produktion erfordert. Das wird dann durch die Sklavenwirtschaft ermöglicht – jetzt nicht mehr in Form der Staats- und Tempelsklaverei, sondern der Sklaven als persönliches Eigentum. Die ökonomischen Entwicklungen treiben die Sklaverei so voran, dass sie zur entscheidenden Grundlage des Wirtschaftslebens, zum alles bestimmenden Produktionsverhältnis wird.

In diesem Zusammenhang entwickelt sich auch der Staat, dies zunächst als Stadtstaat. Wo der Staat entsteht, also eine soziale Herrschaftsmaschine in der Hand der herrschenden Klasse, ist er ein Produkt der Unversöhnlichkeit der bestehenden Klassengegensätze. Um die Gesellschaft zu stabilisieren wird eine selbständige Machtapparatur erzeugt.
Sklavenwirtschaft – Warenproduktion – Übergang zur Polisdemokratie: Das ist der Zusammenhang, auf dem Größe und Leistung der griechischen Kultur beruhen. Der Geschichtsabschnitt, dem wir uns zuwenden, erhebt sich dabei vor dem ungeheuren Hintergrund der frühen Geschichte.

Findnummer: I-3.2.2.1.1.1./2