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Vorlesungsteil einführenden Charakters in das Studium der Geschichte der (antiken) Ästhetik [Beginn im laufenden Text]

…Friedrich Engels fasst, was ich in Bezug auf den Staat entwickelt hatte, als gesellschaftliche Entwicklungsform der Zivilisation zusammen: „Die Stufe der Warenproduktion, womit die Zivilisation beginnt, wird öko­nomisch bezeichnet durch die Einführung 1. des Metallgeldes, damit des Geldkapitals, des Zinses und Wuchers; 2. der Kaufleute als vermittelnder Klasse zwischen den Produzenten; 3. des Privatgrundeigentums und der Hypothek und 4. der Sklavenarbeit als herrschender Produktionsform. Die der Zivilisation entsprechende und mit ihr definitiv zur Herrschaft kommende Familienform ist die Monogamie, die Herrschaft des Mannes über die Frau, und die Einzelfamilie als wirtschaftliche Einheit der Gesell­schaft. Die Zusammenfassung der zivilisierten Gesellschaft ist der Staat, der in allen mustergültigen Perioden ausnahmslos der Staat der herrschenden Klasse ist und in allen Fällen wesentlich Maschine zur Niederhaltung der unterdrückten ausgebeuteten Klasse bleibt.”1)

Dieser Entwicklungsprozess hat sich zwar keineswegs zuerst in Griechenland vollzogen, dort und in den ionischen Städten jedoch in schnellerem Tempo und mit größerer Konsequenz. Das war auf der Grundlage einer entwickelteren Warenproduktion möglich. Im homerischen Zeitalter finden wir die Gentilgesellschaft angesichts der sich herausbildenden Herrschaft des Grundbesitzeradels der Clanhäuptlinge in voller Auflösung. Im 7. und 6. Jahrhundert vor unserer Zeit vollziehen sich der Übergang zur Sklavenhaltergesellschaft und in den wichtigsten Handelsstädten der zur Demokratie als Herrschaftsform. Am klassischsten geschieht das in Athen.

Diese Entwicklung brachte nicht allein soziale und politische Umwälzun­gen mit sich. In dem Prozess, in dem sich neue Klassengegensätze auftaten, Besitz schwand und neu gewonnen wurde, in dem dank der Handelsbewegungen sich der Horizont schnell erweiterte, die bornierte Enge eines stadtstaatlichen Konglomerats aufgesprengt wurde, kam auch Bewegung in die geistigen Prozesse. Die Menschen begannen, Konsequenzen aus ihren Erfahrungen zu ziehen und sich ihres veränderten Lebens bewusst zu werden. Dabei entstand die Philosophie, erstmalig der Entwurf einer wissenschaftlichen Gesamtanschauung der Welt. Sie erwuchs im Gegensatz zur Religion, wie sie in den Staatskulten und den mythologischen Vorstellungen gegeben war. Die homerische Götterwelt war fragwürdig geworden, und es bildeten sich nun nicht nur neue religiöse Tendenzen heraus, sondern eben auch die Philosophie. Sie entwickelte sich in griechischen Pflanzstädten an der Westküste Kleinasiens, in Ionien.

Die ionische Philosophie war die erste mit der Wissenschaft verbundene Aufklärungsbewegung. Ihr Entstehen war identisch mit dem Werden eines naturwissenschaftlichen Weltbildes.

Die Träger dieser Entwicklung waren in den Reihen der Kaufmannschaft und in verwandten Schichten zu suchen, in Kreisen der Bevölkerung, die weder an die adlige und kultische Tra­dition gebunden waren noch im Produktionsprozess selbst verbraucht wurden. Sie hatten die Möglichkeit theoretischer Reflexion. So war die Trennung von Kopf- und Handarbeit Voraussetzung dafür, dass sich eine weltanschauliche Theorie bilden konnte – ohne dass das allein die Entstehung der Philosophie schon erklärt. Dazu später.

Zu einer breiteren Entwicklung der Philosophie kommt es dann an der Wende zum 5. Jahrhundert. Die Philosophie, die in ionischen Städten entstand, gelangte da nach Athen. –

Unter all diesen Gesichtspunkten ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit der Geschichte von Kunst, Philosophie und Ästhetik ein Studium, das im Grunde diese Vergangenheit als Aspekt unseres eigenen geschichtlichen Selbstverständnisses aufbereiten soll. Erst wenn wir den objektiven historischen Prozess, der uns erzeugt hat, in dem wir geworden sind, begreifen, dann können wir begreifen, wer wir sind.

Dieses unser Werden, die Menschheitsgeschichte, ist ein gesetzmäßiger Prozess. Wer ihn nicht kennt, entdeckt Amerika nur immer wieder neu, bildet sich eine Originalität ein, die bloße Wiederholung längst vergangener Muster ist. Ja, ich kann Neues als Neues nicht begreifen, wenn ich nicht weiß, wem gegenüber es sich um etwas Neues handelt.

So hat sich zum Beispiel durch die Entwicklung der modernen technischen Massenkommunikationsmittel – Presse, Funk, Film und Fernsehen – das ganze System der Künste verändert, sind neue Kunstformen entstanden, haben sich neue Synthesen ergeben (so im Film zwischen Bildprozess, Schauspiel, Literatur und Musik). Zugleich sind völlig neue Kommunikationsbedingungen entstanden: Wie vergleichsweise langsam, nämlich mit Pferdegeschwindigkeit, bewegte sich eine Nachricht noch vor zweihundert Jahren! Wer um 1800 Kunst genießen wollte, musste sich in eine Haupt- oder Residenzstadt begeben und dort das Theater, die Oper aufsuchen, soweit sie vorhanden waren. Oder er musste Haus­musik treiben. Für schöne Literatur interessierte sich nur ein enger Kreis von Gebildeten. Im Dorf las man, wenn überhaupt, die Bibel. Man tanzte im Krug. Nachrichten wurden als Gerüchte oder als amtliche Bekanntmachungen durch den Amtsboten und gelegentlich durch die seltenen Zeitungen vermittelt.

Heute sind wir über das Fernsehen gleichsam Beobachter eines weltweiten Geschehens. Darüber wird zu gegebener Zeit genauer zu reden sein. Auch darüber, welche Konsequenzen die ungeheure Beschleunigung der Entwicklung der Produktivkräfte gegenüber früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden für die geistige Kultur und schließlich die Bildung jedes Einzelnen – auch für Ihre Bildung – hat.

Natürlich kann man die Frage stellen: Warum sollen wir uns, die wir mit Film, Funk und Fernsehen zu tun haben, die wir die Wissenschaft auf Gesellschaftspraxis anwenden, mit den alten Griechen beschäftigen – die ja das Hauptthema der künftigen Vorlesung sind?

Nun: Worte wie Poesie und Musik, Melodie und Rhythmus, Theater, Drama und Epik, Komödie und Tragödie stammen von den alten Griechen. Wir haben sie von ihnen gelernt. Die erste materialistische Philosophie stammt von ihnen und die Logik, die Geometrie in der deduktiven Form, die Sie in der Schule lernten, und vieles mehr. Das deutet schon darauf hin, dass hier offensichtlich ein Kontinuitätszusammenhang besteht. Wir wären nicht wir, wenn sie nicht gewesen wären. Die Zivilisation in Deutschland entstand wesentlich durch die Begegnung der Germanen mit den Leistungen der zusammenbrechenden und zusammengebrochenen antiken Welt der Sklavenhalterformation. Wir sind durch die lateinische Schule gegangen, ja von dem fränkischen Reich an wurde in immer erneuter Weise das Erbe der Alten angeeignet, verarbeitet. Nicht umsonst finden Sie in der Romanik – fahren Sie z. B. nach Quedlinburg – Formen, die in der Spätantike entwickelt waren; und das reicht bis zur Renaissance, ja bis in unsere klassische deutsche Literatur.

Denken wir an Goethes „Prometheus”, dieses revolutionäre Gedicht des Aufbegehrens gegen die feudalabsolutistische Welt und Weltanschauung, gegen Christentum und Feudalität. Goethe hat sich den Antikenstoff als Kostüm für die eigenen Ziele, Bedürfnisse geschneidert. Der Stoff des Prometheus greift sehr weit zurück. Seit der Renaissance gilt Prometheus als Symbol der Emanzipation, der Befreiung geistiger Schöpferkraft, menschlicher Schöpferkraft schlechthin, als Symbol für Aufklärung und Weltbejahung gegenüber christlichem Jenseitsglauben.

Aber die Sage führt noch viel weiter zurück. Wir kennen ihre Verarbeitungen und Darstellungen aus dem 7. und 6. Jahrhundert vor unserer Zeit, schließlich das Drama des Aischylos. Das weist auf noch ältere Traditionen. Die Gestalt des Prometheus – des älteren Gottes gegenüber einer jüngeren Göttergeneration – offenbart uns frühzeitliche historische Kämpfe, Kämpfe zwischen Klassen und Völkern; die Gestalt des Prometheus, des Titanen als Menschenfreund, Stifter menschlichen Könnens – er brachte das Feuer, die Schmiede- und Töpferkunst (ein historischer Meilenstein) – verweist auf die neolithische und bronzezeitliche Frühgeschichte.

Prometheus, der Produktive, der für die Menschen Lehrer und Kulturstifter ist, steht stets für das Menschengeschlecht in seinem Konflikt mit den Göttern, für die Arbeitenden gegen die Nichtarbeitenden, die diese unterdrücken. So wird gerade er für seinen Göttertrotz an den Kaukasus geschmiedet. Aber das Schicksal, das größer als alle Götter ist, hat ihm künftige Befreiung zugesichert. Wir ahnen darin die Entstehung der Klassengesellschaft, die ungeheure Empörung gegen den frühen Sklavenhalteradel. Die Figur des feuerbringenden Kulturstifters finden wir in vielen Sagen vieler Völker auf dem ganzen Erdkreis: eine mythische Deutung der Menschwerdung. Prometheus selbst nimmt im Kreis der grie­chischen Mythologie die Stelle des Urmenschen ein, als der er auch in anderen Mythologien auftritt.

In der Figur des Prometheus haben wir am Phantasieprodukt die Spuren wirklicher Geschichte, und zwar in verschiedenen Schichten. Ist es ein Zufall, dass der revolutionäre englische Dichter Percy Bysshe Shelley in „Der entfesselte Prometheus” utopisch-sozialistische Gedanken Sprache werden lässt und dass Marx Prometheus „den vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender” nennt?2) Wurde für Marx Prometheus doch zur Bildmetapher des Proletariats, des Riesen, der gefesselt, angeschmiedet ist – und einst frei schreiten wird!

Mehr noch: Zeigt nicht die Prometheus-Gestalt, dass sie gar nicht zu verstehen ist, wenn wir uns nicht geschichtliche Zusammenhänge vergegenwärtigen? Liegt nicht auch auf der Hand, dass der goethesche „Prometheus” erst dann verständlich wird, wenn wir nicht allein diese Vorgeschichte, sondern zugleich die Geschichte der ideologisch­-geistigen Kämpfe der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts, den großen Aufbruch des Sturm und Drang in den Blick nehmen, diese emanzipatorische Bewegung mit ihrer Verachtung der himmlischen Götter – wobei die irdischen mitgemeint sind? („Ich kenne nichts Ärmeres/Unter der Sonn’, als euch, Götter!”) Den Sturm und Drang also mit seiner Inthronisation der Natur als allmächtiges Schicksal, was die Verneinung des Jenseits, die spinozistische Hereinnahme Gottes in die Welt ist? Hier wird eine neue große Welt- und Wirklichkeitsbejahung laut – und gerade diese eben am Modell des Prometheus, der Geschichte stiftet und Sprecher wird für alles unterdrückte Produktive, weshalb er ja auch heute noch so lebendig wirkt. Bei Prometheus sind wir im Vorhof der Philosophie, ja wir sind mittendrin; hier wird die „tätige Seite” – wie Marx in den Feuerbach-Thesen formuliert -, der Mensch als Produzent seiner Welt poetisch vorweggenommen.

Das ist nur ein Beispiel. Aber es zeigt doch, wie wir lernen müssen – und das ist ein langes, mühseliges und im Rahmen des Studiums auch keineswegs abschließbares Geschäft -, das Gegenwärtige vor dem Hintergrund der Geschichte zu sehen, als etwas Historisch-Gewordenes, von dem her erst dessen Bedeutung voll erschließbar ist.

Dasselbe gilt auch für die Theorie. In der Geschichtstradition, in der wir stehen – analoges gibt es für Indien und China -, wurde zuerst bei den Griechen theoretisch exakt gedacht, dabei nicht nur begrifflich gedacht, sondern auch erkannt, was der Begriff ist. In der griechischen Philosophie wurden gerade die Themen angeschlagen, die in wesentlichsten Bereichen auch noch unsere Themen sind, wurden Natur und Naturgesetz gedacht, wurde versucht, die Welt aus sich selbst, ohne Hilfskonstruktion eines schaffenden Gottes, wirkender Dämonen etc. zu erklären. – Sie lernten in der Schule den Satz des Pythagoras. Pythagoras führte Quantität und Maß in die Weltbetrachtung, in die Philosophie ein; er dachte die Welt mathematisch – so phantastisch er dies auch umkleidet hatte.

Und schließlich: die bildende Kunst. Zum ersten Male wird der Mensch frei, als ein sich aus sich selbst heraus bewegendes Wesen dargestellt, nicht mehr als Glied eines architektonischen Ganzen, nicht mehr – wie in Ägypten – einer Form, einem Rhythmus unterworfen, den nicht er selbst bestimmt hat. Ist es ein Zufall, dass die Kunst der Renaissance und dann die Aufklärungsästhetik auf die Griechen zurückgriffen, dass z. B. im 18. Jahrhundert griechische Körperschönheit zum weltanschaulichen Modell wurde, das darauf ausgerichtet war, den Menschen ganz diesseitig, sich und seine Welt – im Gegensatz zum Christentum – bejahend darzustellen und daran zu lernen, wie groß der Mensch sein kann? Unsere heutige Plastik ist – trotz aller Differenz – bei den Griechen in die Schule gegangen. Sie darf nur nicht darin verharren.

Dieser künstlerische Klassizismus des 18. Jahrhunderts aber ist nur ein Aspekt eines umfassenderen Prozesses. In der Vorbereitung der Französischen Revolution holte die junge bürgerliche Ideologie sich ihre Ideale und Idole aus der Vergangenheit; gewiss illusionär, aber ebenso revolutionär. Die Diktatur der Jakobiner wurde von Robespierre und Saint-Just als gewaltsame Durchsetzung spartanischer und römischer Staatstugend verstanden. Das waren „die heroischen Illusionen” (Marx) der bürgerlichen Revolution, die entstanden und notwendig gewesen sind, um dem historisch und klassenmäßig begrenzten Inhalt dieser Revolution die Würde des Menschheitlichen, des Allgemeinen zu geben. Darüber wird noch an entsprechender Stelle zu reden sein.

[…]

Wenn wir solches Gewicht auf die Griechen legen, dann nicht nur des­halb, weil die griechische Polis eine so bedeutende Rolle in der Geschichte gespielt und mit ihren Leistungen unsere eigene Kultur- und Bildungsgeschichte mitgeprägt hat. Und nicht nur deshalb, weil die römisch-griechische Antike unmittelbarer Vorgänger der Feudalgesellschaft gewesen ist – selbst das Christentum ist ja Produkt der Widersprüche und Krisenerscheinungen des römischen Reiches; und ins Neue Testament ist ein gut Teil spätgriechischer philosophischer Spekula­tion mit eingegangen. Wir studieren sie nicht einmal nur deshalb, weil die anregende Funktion dieser Kulturleistung sich gerade an unserem Geschichtsabschnitt bewährt. Wir studieren die griechische Antike besonders auch darum, weil sie in klassischer Klarheit historische Grundprobleme erkennen lässt, klarer als andere Geschichtsepochen.

Die Frage ist ja berechtigt: Warum beziehen wir uns bei der Kunstgeschichte zunächst und so stark auf die Griechen? Die Kunst ist ja älter. Für Philosophie und Ästhetik als Theorie ist dies leichter zu beantworten: Sie entstanden als besondere Formen theoretischen Denkens überhaupt erst in Griechenland…

Quellen:
1) Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. In: Marx-Engels-Werke, Bd. 21 (1973), S. 170f
2) Karl Marx, Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie. In: ebd., Bd. 40 (1990), S. 263

Findnummer: I-3.2.2.1.1.1./3