Über das Projekt

Die hier entstehende Webseite knüpft an eine Idee an, die Wolfgang Heise Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ins Auge gefasst hatte: Er wollte seine Vorlesungen zur Geschichte der ästhetischen Theorien für den Druck bearbeiten, damit sie den Studenten in Paperback-Ausgaben preiswert zur Verfügung stehen könnten. Sein früher Tod im April 1987 hat dieses Vorhaben zunichte gemacht.

Für viele seiner Studenten an der Humboldt-Universität, auch für mich, gehörten Heises Vorlesungen zu den wenigen prägenden Erfahrungen der Studienzeit. Wir begegneten hier, anders als sonst zumeist, einem freien und tiefgründigen marxistischen Denken. Es beruhte dabei auf einer umfassenden, geschichtsumspannenden Bildung. Heise brachte den Geist einer Reihe von Vertretern der Gründungsgeneration der DDR zu uns, von engagierten Intellektuellen, die sich dem Versuch, in dem kleinen Land eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, trotz bald in vielem schmerzhaft empfundener Distanz zur gesellschaftlichen Praxis mit dennoch bewahrter Motivation verpflichtet fühlten. Er stand mit seinen Schriften, in denen er die Geistesgeschichte als eine mächtige Ressource für das sozialistische Experiment zu heben suchte, ja mit seiner gesamten, wie wenige als glaubwürdig geschätzten Persönlichkeit für dieses Anliegen.

Wenn Wolfgang Heises Vorhaben nun in einer gründlich veränderten Welt und mit den Möglichkeiten elektronischen Publizierens aufgegriffen wird, so geschieht das aus zweifachem Grund. Zum einen soll sichtbar werden, dass neben Heises bedeutenden Schriften zu speziellen Themen der Geschichte von Literatur und Ästhetik – hervorgehoben seien „Bild und Begriff” (mit Jürgen Kuczynski, 1975), „Realistik und Utopie” (1982) sowie die postum von Rosemarie Heise und Magdalena Frank herausgegebenen Bände „Hölderlin. Schönheit und Geschichte” (1988) und „Die Wirklichkeit des Möglichen” (1990) – auch eine Gesamtdarstellung zur Geschichte des ästhetischen Denkens aus seiner Hand existiert, die dabei mit jenen Texten korrespondiert, sie ergänzt, sie in einen größeren, wenn im Detail auch meist kursorischer gefassten Zusammenhang einordnet. Zum anderen geht es in besonderer Weise darum, das, was sich Heise selbst vorgestellt hatte, nun zu einem erheblich späteren Zeitpunkt zu versuchen, anzugehen, nämlich seine Vorlesungen Lernenden und Interessierten anzubieten. Dies geschieht in der Hoffnung, dass das für sie – von welchen weltanschaulichen Voraussetzungen sie auch jeweils ausgehen – gewinnbringend und anregend sein kann. Ja, im Grunde ist es meine Überzeugung, dass diese Texte noch immer das Potential haben, produktiv zu werden.

Bei der Lektüre von Heises Vorlesungen spürt man die Art und Weise des Vortragenden. Es sind Darlegungen, die bestimmte ästhetische Sachverhalte successive entfalten; immer wieder hat man den Eindruck, in Denkprozesse hineingezogen zu werden. Vielfach finden sich Nebensätze, aber auch häufig Elipsen. Als Bearbeiter geht es mir darum, manches noch klarer, eingängiger zu fassen, z.B. besonders lange Sätze öfter zu trennen oder Satzumstellungen vorzunehmen. Da, wo ich sprachliche Inkorrektheiten finde, gilt es sie richtigzustellen.

Dem Vorhaben liegt ein Volumen von etwa zweieinhalbtausend Schreibmaschinenseiten zugrunde, das seit Mitte der 60er, aber vor allem in den 70er und 80er Jahren entstand. Oft hat Wolfgang Heise handschriftliche Korrekturen vorgenommen, Passagen gestrichen oder überklebt. Eine Vorlesung, sobald sie einmal vorlag, war somit für ihn nicht abgeschlossen. Oft strukturierte er bei einem späteren Vortrag teilweise neu. – Im Sinne heutiger Leser werden die Vorlesungen in der aktuellen Rechtschreibung wiedergegeben. In bestimmten Fällen werden kleinere Textbausteine, -fragmente, z.B. wenn sich Gedanken wiederholen, weggelassen.

Am Ende jeder der auf dieser Seite eingestellten Vorlesungen findet sich die Findbuchnummer des entsprechenden Manuskripts. Das von Claudia Salchow erstellte Findbuch zu Wolfgang Heises Nachlass lässt sich im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität einsehen; die entsprechenden Manuskripte sind dort erreichbar. Bei der überschriftartigen Kurzcharakteristik der Vorlesungen gebe ich in der Regel die von Claudia Salchow gegebenen Titel wieder. 

Ich bin Rosemarie Heise für die Erlaubnis, die Vorlesungen ihres Mannes bearbeiten und publizieren zu können, sehr dankbar. Ich hatte noch das Glück, einen kleineren Schreibmaschinentext von Wolfgang Heise zu einer ästhetischen Thematik – der allerdings nicht zum vorliegenden Vorlesungskonvolut gehört – mit ihr detailliert durchgehen und manches korrigieren zu können. So habe ich einen Eindruck gewonnen, worum es ihr bei einer Durchsicht von Heises Texten gegangen ist. Rosemarie Heise und ich haben uns allerdings nicht vorstellen können, dass es noch viele Jahre dauern würde, bis ich nun, mit dem Eintritt ins Rentenalter, selbst als Bearbeiter aktiv werden kann.

Mein Dank gilt auch dem Wolfgang-Heise-Archiv am Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, das mir Scans der Vorlesungen zur Verfügung stellte und eine elektronische Texterkennung veranlasste. Ich danke Nadine Lestmann und Gerhard Bormann, die die Manuskripte während einer Reihe von Jahren zur inhaltlichen Bearbeitung mit großem persönlichen Einsatz digital vorbereiteten.

Michael Schilar
8. Oktober 2025

Wolfgang Heise, gemeinsam mit Erwin Pracht in Wiepersdorf 1969
Foto: Dietrich Mühlberg